
Integrating Parametric Design TUB
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Option Explicit – Manifest für einen integrierten digitalen Entwurfs-Ansatz am Beispiel des Entwurfes der Gruppe Kiezklänge, FG Hofmann TU Berlin, Sommer 2010
Modell statt Plan
Das Projekt „Kiezklänge“ entwickelt eine Musikschule am Rotraut-Richter-Platz in Berlin Gropiusstadt als integrierten digitalen Entwurf. Dabei steht das Modell (physisch und virtuell) im Mittelpunkt des architektonischen Entwicklungs-Prozesses. Anstatt sich auf den Plan als 2-dimensionales Werkzeug zu beziehen, kann das Modell als Informations-Vielheit verstanden werden und nach beliebigen Eigenschaften geprüft und hinterfragt werden. Im Deleuze’schen Sinne enthält es alle Möglichen planimetrischen Repräsentationen, die sich nach belieben „entfalten“ lassen. Gleichzeitig können auch temporale und räumliche Eigenschaften eingebunden und abgerufen werden. Die Autoren von Kiezklänge entfalten sprichwörtlich aus einem Band programmatische Entwurfsdiagramme (Abb. 1 Abwicklung Faltsysteme), die sie konsequenterweise als Prototypen nach architektonische Qualitäten hinterfragen (Abb. 2 Typologienanalyse). Dieser Typenkatalog wird in einem ersten Schritt rein kompositorisch, also nach formal-ästhetischen Kriterien, zu einer räumlichen Gruppe angepasst. Obwohl dieser Ansatz eine Dimensions-Erweiterungen zugunsten des Modells zulässt (erste architektonische Interpretation der Form), bevorzugt er letztendlich dennoch den repräsentativen Aspekt des formalen Entwurfes, der innerhalb des integrierten digitalen Entwurfes nur ein Teil einer umfassenden Architektur-Genese darstellt.
Radikales parametrisches Design
Da sich der typische Einsatz von digitalen Technologien in der Architektur meist auf eine vorgefasste oder tradierte Form-Idee stützt, muss ein integraler Entwurfs-Ansatz den herkömmlichen digitalen Entwurfs-Prozess hinterfragen. Hier bietet parametrisches Entwerfen eine willkommene Alternative: Der Architekt - zu lange schon Sklave von Software-Paketen die mit dem Gedanken an einen typischen Nutzer entwickelt wurden - wird selbst zum Programmierer. Die Autoren von Kiezklänge haben sich mit dem oben erwähnten Typenkatalog einen einfachen Werkzeugkasten geschaffen, den man als proto-digital bezeichnen kann. Die einzelnen Typen verhalten sich nach einfachen Regeln (Falten des Bandes um einen bestimmten Winkel, in eine bestimmte Richtung). Diese Regeln lassen sich als Parameter auffassen und logisch kombinieren. Ohne „Skripte“, „Codes“ und „Software“ explizit zu benutzen, haben Kiezklänge dennoch parametrisch gearbeitet.
Im Gegensatz zur herkömmlichen Haltung einer analogen Architektur, (be-)nutzt eine digitale, parametrische Architektur sowohl die Rechenleistung des Computers um eine Vielzahl linearer Prozesse seriell zu berechen, als auch die Intelligenz seiner kollektiven Autorenschaft. Dieser Ansatz hat eine Reihe von Konsequenzen:
- Alle Entwürfe sind im Skript enthalten, ihre physische Manifestation muss allerdings erst berechnet und „ausgeführt“ werden. Der Entwurf von Kiezklänge lässt sich in allen Phasen auf das parametrische Ausgangs-Diagramm des Bandes zurückführen (Abb. 3 Grundriss).
- Die kreative Leistung verschiebt sich von der Zeichnung zum Skript, vom direkten Entwurf zum Meta-Entwurf. Auch hier erkennt man bei Kiezklänge eine ausführliche experimentelle Phase des Entwurfes, in der Regeln aufgestellt und getestet werden.
- Gleichsam redaktioneller Arbeit, orchestrieren die Autoren Flüsse und Prozesse des Entwurfes, indem sie die Parameter der Diagramm-Gleichungen bestimmen.
- Obwohl die Regeln grundlegend linear angelegt sind, muss ein Regel-basierter Entwurf keineswegs deterministisch verlaufen. Aus der Kombination weniger Parameter ergeben sich exponentielle Möglichkeiten (Zelluläre Automaten), die wiederum nach Rückkoplungs-Mechanismen verstärkt oder gedämpft werden (Abb. 4 Bänder Volumina Flächen Bereiche).
- Als Resultat steht nicht das formale Objekt im Vordergrund, sondern eine Entwurfs-Umwelt deren Parameter bestimmte Räume erlauben. Damit geht allerdings keine Dematerialisierung des gebauten einher, sondern vielmehr ein durch Parameter „informierter“ Raum, der sich zwangsläufig formal manifestiert (Abb. 5 Modell Top).
Der Architekt als Informatiker
Die Autoren von Kiezklänge sind Informatiker, allerdings mit analogen Mitteln. Parametrischer Entwurf ist nicht gleichbedeutend mit digitalem Entwurf. Eine Geometrie ist dann parametrisch aufgebaut, wenn sie sinnvolle Zusammenhänge zwischen einzelnen Teilen erkennt, in diesem Fall von Band zur Faltung zum Raum. Kiezklänge verfolgen eine Formensprache die sich direkt aus den inherenten Geometrien ableitet. In einen iterativen Prozess wird die Ausgangs-Geometrie angepasst, weiterentwickeltund rekombiniert, um sich asymptotisch einer brauchbaren, das heißt den sozialen, ökologischen und politischen Realitäten gerechten Lösung zu nähern. Die physischen Modelle sind einerseits zur Überprüfung der gefundenen Geometrien da, andererseits liefern die Rahmenbedingung der maschinellen Fabrikation (Größe, Material, additive oder substraktive Fabrikations-Methode) weitere Evaluations-Kriterien zur Bestimmung gefundenen Geometrien und zur Interpretation zu Architektur. Trotz der expressiven Erscheinung ist der Entwurf von Kiezklänge als generativ statt formal zu bezeichnen. Diese rekursiven Prozesse sind in einem Entwurfs-Studio geradezu revolutionär, zerstören sie doch das Bild des genial Architekten, der ein „Handschrift“ im Entwurf pflegt.







